| Regie | Joachim Trier |
| Kinostart | 02.08.2007 |
Assoziativ, anekdotisch, autobiografisch, ambivalent, aggressiv nennt Dietrich Kuhlbrodt den Debütfilm. "Eine Überschussproduktion, die Laune macht (und auf Festivals Publikumspreise einheimst). ... Eine lineare Handlung gibt es nicht. Es herrscht das Gesetz und die Lust des try and error. Das ist kreativ und gut und unvorhersehbar. ... AUF ANFANG kuckt genau hin, wie man das Ding dreht, zum Beispiel den Henkel der Kaffeetasse: mit dem Daumennagel. Das Detail macht es, nicht der Plot."
Heike Kühn sah ein frühes Meisterwerk. "AUF ANFANG ist eine spannungsreiche Synthese von hoher Kunst und Punk-Musik, von Erhabenheit und Verspieltheit. Die man ernst nehmen sollte, aber nicht zu ernst. Die pseudo-dokumentarischen Einsprengsel, in denen der Film dem (nicht existenten) Schriftsteller Sten Egil Dahl huldigt, haben eine Journalistin einmal zu der Behauptung hingerissen, ihn gelesen zu haben. Vielleicht hat sie wie Trier Stendhal gemeint."
Jan Schulz-Ojala entdeckt das Geheimnis des Films: "Er schert sich scheinbar nicht weiter um seine Zuschauer, sondern funktioniert wie eine zärtlich-lässige, elliptische Erinnerung unter Freunden. Gerade deshalb lädt er uns ein."
Für Knut Elstermann ist der Film "ein strukturelles Wunderwerk mit Sprüngen und Rückblenden, voller Anspielungen und Zitate. "Dass dieser intellektuelle Ansatz nicht zu einer Kopfgeburt verkam, ist dem großen Talent Triers zu verdanken, der das Publikum nicht ausschließt. Trier, dessen Film von so viel nächtlicher Dunkelheit erfüllt ist, scheint die Sonne jetzt so stark ins Gesicht, dass er bei den letzten Worten des Gesprächs blinzeln muss, was ihn noch freundlicher erscheinen lässt."
Rüdiger Suchsland ist begeistert. "Mehr noch ist es die filmische Experimentierfreude, sowie der fröhliche Aufbruchsgeist und optimistische Grundton, der den ganzen Film durchweht, eine Haltung, die an die Liebe glaubt, an das Leben und an den Einzelnen, der es meistern kann. Ein erstaunliches Debüt, das wieder einmal in Erinnerung ruft, wie selten dieses Truffaut-Gefühl im Kino der Gegenwart geworden ist, und wie sehr man es vermisst."
Laut Jutta Klocke benutzen die Filmemacher "spielerisch verschiedenste ästhetische und narrative Mittel, um komplexe Phänomene wie Liebe, psychische Erkrankung oder Erwachsenwerden, allem voran aber Freundschaft und Selbstverwirklichung, differenziert zu beschreiben. Ein verändertes Tempo innerhalb der Einstellung, die Auflösung der Einheit von Ton und Bild oder ein Wechsel im Schnittrhythmus geben den Szenen eine psychologische Dimension, über die weit mehr transportiert wird als die vorantreibende Handlung. Gleichzeitig bewahrt sich der Film vor allem dort, wo er auf die Diskrepanz zwischen der komplizierten Realität und der manipulierbaren Fiktion verweist, ein ironisches Augenzwinkern, mit dem letztendlich auch der Zuschauer überführt wird."
Karsten Visarius siedelt den Film zwischen Godard, Punkrock und Schwarzem Quadrat an. "Zitate und Anspielungen können gefährlich werden, weil sie Maßstäbe setzen. Joachim Trier kann sich Verweise auf die literarische und filmische Moderne, auf den Nouveau Roman und die Nouvelle Vague leisten, weil er selbst souverän und elegant über ihre Mittel verfügt. ... AUF ANFANG spricht vom Lebensgefühl einer Generation, die aus der banalen Wiederkehr des Immergleichen auszubrechen versucht. Und dabei aus Unruhe und Glanz früherer Aufbrüche Kraft gewinnt. Neben Eric, Phillip und Kari sucht eine ganze Clique von Freunden nach dem Entwurf eines anderen Lebens."
Etwas plakativ findet Hans-Jörg Marsilius einzelne Szenen. "Allerdings entschädigt der Film mit einer raffinierten Erzählweise, die ständig den linearen Ablauf unterbricht, Randepisoden des Cliquenlebens spontan hervorhebt, um sie genauso schnell wieder abzulegen. ... Wie die Nouvelle Vague die Regeln des Filmemachens auf den Kopf stellte, so unverkrampft geht Trier mit seinem Cutter Olivier Bugge Coutté in der Montage mit Bild und Ton um. Was vielleicht nicht alles ganz neu ist, aber beim Zuschauen Spaß macht, da es die Grenze zum Prätentiösen zwar tangiert, aber nicht überschreitet, und zum spielerischen Charakter des Films – spiegelbildlich zu dem seiner Protagonisten – beiträgt."
Michael Meyns hat sich nicht von der Montage überzeugen lassen. "Oft sind diese zerstückelten Momente zwar amüsant, immer wieder fragt man sich jedoch, ob sie wirklich nötig gewesen wären und letztlich nicht sogar vom Zentrum des Films ablenken. ... Dass sich Joachim Trier nicht mit einer konventionellen Erzählung und einer linearen Struktur zufrieden gibt, kann man ihm natürlich schwer vorwerfen, schließlich geben sich heutzutage viel zu viele Regisseure damit zufrieden, Altbekanntes zu wiederholen. Und angesichts der Tatsache, dass es sich hier um einen Debütfilm handelt, überwiegt trotz der bisweilen arg ausgefransten Erzählung das Versprechen auf den weiteren Werdegang eines talentierten Regisseurs."
Der Stil des Films hat Thomas Engel beeindruckt. "Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft vermengen sich. Scheinwelt, Wirklichkeit und Phantasie ebenfalls – wenn auch filmisch mit Hilfe einer ausgesuchten Montage immer ziemlich real dargestellt. ... Präsentiert ist das alles in einer ungewöhnlichen Dramaturgie. Sie ist experimentell und sporadisch, ziemlich willkürlich, aber auch bis zu einem gewissen Grad avantgardistisch – man weiß oft nicht, ob man verblüfft sein soll oder irritiert. Eine bestimmte Begabung steckt auf jeden Fall dahinter. ... Ein interessanter, wenn auch künstlerisch noch unfertiger Versuch, ein Langfilmerstling. Ein coming of age-Bild junger norwegischer Schriftsteller."
Für Birte Lüdeking ist das ambitionierte Debüt "ein Patchwork aus diversen Filmen, die sich einem Verwirrspiel mit der Zeit und Wirklichkeit gewidmet haben, und den potenziellen Tricks und Trugbildern des Geistes und Gedächtnisses. ... AUF ANFANG ist vieles auf einmal: Generationsportrait und Psychodrama, Tragödie und Komödie, Liebes-, Freundschafts- und Künstlergeschichte. Hier und da kratzt er dabei zu sehr an der Oberfläche und hinkt seinem Anspruch hinterher. Andererseits macht der schnelle Wechsel zwischen ausgelassenen und intimen Situationen, überschwänglich und behutsam inszenierten Szenen, den Reiz von Triers ideenreichem Debütfilm aus."